2004-12-19 Klicken Sie hier, Frau Künast: Netzaktion für parlamentarische Demokratie in der EU
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Während der EU-Rat sich vorbereitet, um seine Landwirtschafts- und Fischereiminister eine Softwarepatentrichtlinie abnicken zu lassen, für die es keine qualifizierte Mehrheit gibt, machen FFII und andere mobil, um die parlamentarische Demokratie in der EU zu verteidigen. Mit Bannern und Streikseiten soll auf die Krise aufmerksam gemacht werden. Europarechtler sehen in den Manövern der Niederländischen Präsidentschaft im EU-Rat einen Versuch, die Mitwirkungsmöglichkeiten gewählter Volksvertreter an der EU-Gesetzgebung in bisland einmaliger Weise auszuhebeln.
"Klicken Sie hier, Frau Künast"
Dieser Brief erklärt alles.
Eine kurzfristig anberaumte physische Demonstration fand am Montag um 11.00 vor dem Gebäude des Ministeriums von Frau Künast in Berlin statt.
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Demonstrationen für die Freiheit der "computer-implementierten" Gedanken und gegen die Missachtung der Parlamentarischen Demokratie mobilisierten im April 2004 und August 2003 Tausende von Webseiten. Am 14. April 2004 marschierten 500-1000 Programmierer aus ganz Europa durch die Straßen von Brüssel. Sie trugen gelbe T-Shirts mit der Losung "No Software Patents" und "Power to the Parliament".
Diesmal beginnt der Protest mit einem Versuch, die Aufmerksamkeit der Landwirtschaftsminister zu erreichen.
Webseitenbetreiber sollen ihre Webpräsenzen mit einer Seite verdecken, die vom Landwirtschaftsminister verlangt, die Richtlinie von der Tagesordnung des Landwirtschaftsrates am Dienstag herunterzunehmen.
Anweisungen zur Teilnahme finden sich auf
Kommentare, Zitate
Christian Ude, Oberbürgermeister der Stadt München
[http://www.muenchen.de/vip8/prod2/mde/_de/rubriken/Rathaus/40_dir/presse/2004/ru/12/20.pdf
- Für das kurzfristig geplante Vorgehen des EU-Rates habe ich kein Verständnis. Nach der Vielzahl an geäußerten Bedenken von allen Seiten der Politik, von mittelständischen Unternehmen und vielen Entwicklern freier Software war eine weitere Aussprache zum Richtlinienentwurf im EU-Rat erwartet worden und nicht ein Durchwinken in dem fachfremden Landwirtschafts- und Fischereirat. Diese Erwartungen habe ich heute auch an Ministerin Künast herangetragen. ]
Christian Cornelssen
Auf einer Mailingliste beantwortete Christian Cornelssen, Koordinator der deutschen politischen Aktivitäten des FFII folgende Frage:
- Könnte mir noch jemand auf die Sprünge helfen, warum am Dienstag überhaupt noch abgestimmt worden ist, wo doch schon der Wettbewerbsrat am 18.5. dafür gestimmt hat?
Cornelssen antwortet:
- Das müssten sich all diejenigen fragen, die bislang behauptet haben, der Ministerrat hätte zu einem "Gemeinsamen Standpunkt" gefunden. Tatsächlich war es nur eine "politische Übereinkunft", und die Verabschiedung als Gemeinsamer Standpunkt steht noch aus. Gegenwärtig versucht die Ratspräsidentschaft, an allen Informationsfristen vorbei (sechs Wochen zuvor müssen alle zu verabschiedenden Texte in allen Sprachen bereitstehen, zwei Wochen davor die Tagesordnung) eine Verabschiedung noch in diesem Jahr übers Knie zu brechen. Ohne Überprüfung der Abstimmung, denn dann würde sich herausstellen, dass es keine qualifizierte Mehrheit mehr gibt. Fazit: Am 18. Mai wurde schon getrickst, um den Anschein einer Übereinkunft zu erreichen -- ein Analgon zum Wahlbetrug. Nun, wo absehbar ist, dass nicht einmal das Tricksen hilft, soll auf die "Wahl" ganz verzichtet werden. Und die Ratsmitglieder sollen möglichst gar nicht erfahren, was sie da durchwinken. Für die inhaltlichen Mängel ist unser Justizministerium mitverantwortlich. Für den Fehler einer Verabschiedung entgegen den Regeln der Geschäftsordnung des Rates wären aber die ausführenden Minister (hier: Künast oder Trittin) zur Verantwortung zu ziehen. Macht ihnen das bitte klar.
Karl-Friedrich Lenz
In seinem Weblog schreibt Dr. Karl-Friedrich Lenz, Professor für Deutsches und Europäisches Recht in Aoyama Gakuin Universität in Tokio, Japan und Mitglied des Beirates des FFII:
The EU Council Rules of Procedure provide for a two-stage decision process.
Member States can find "political agreement" on a position in one Council meeting and then "formally adopt" it as a so-called A-item at a later meeting.
The Rules of Procedure say in Article 3, Paragraph 8 that any Member State can force a vote at the later meeting.
However, the enemies of democracy running the Council now seem to think that there is an unwritten rule that prevents Member States from actually doing that if they are opposed to a proposal at the time of the later meeting.
This is clearly the exact opposite of what the text of the Rules of Procedure says.
And if that position was true, there would be no point in having any "formal adoption" in a later meeting in the first place. All "political agreements" would be final. That would mean a major shift in the whole construction of the Rules of Procedure.
For example, that would mean that in turn all safeguards against hastily adopted decisions no one has had a chance to read or discuss (like all requirements on translations or minimum time frames for agenda decisions) would need to be cleared at the earlier time of the "political agreement".
So this is a test case. Either Article 3 Paragraph 8 has some meaning or not. We will see in a couple of days what happens.
Othmar Karas
Mag. Othmar Karas, MdEP der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und Vizevorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament sagt:
"Die geplante Richtlinie zu Softwarepatenten hat im Rat keine Mehrheit mehr. Die politische Entscheidung des Rates von Mai dieses Jahres ist überholt - durch das Inkrafttreten des Vertrags von Nizza und die dadurch verschobenen Stimmgewichte sowie durch die Positionsänderung in Polen, den Niederlanden und Deutschland. ... Es ist geradezu antidemokratisch, eine Position zu beschließen, die am Tag der offiziellen Entscheidung keine qualifizierte Mehrheit mehr hat. Der Rat hat einen dringenden Erklärungsnotstand, wie er angesichts der geänderten Rahmenbedingungen zu seinem Gemeinsamen Standpunkt kommen möchte."
Jozef Halbersztadt
Jozef Halbersztadt works as a patent examiner at Polish Patent Office. The Polish Patent Office has resisted pressure from the European Patent Office to allow software patents and is one of the most fervent opponents of the Council's text, which it fears would plunge it into a quagmire of broad and trivial patents on abstract subject matter. Halbersztadt has watched the EU developments for many years and draws the following analogy to the Ukrainian presidential elections:
"We could see our fight in terms of the Ukrainian presidential election. Yanukovych was picked as a candidate by the current president, Kuchma, in return for guarantees to the president and his allies of immunity from prosecution for all his crimes, committed while in power, as well as protection of their assets gained through manipulated privatisation. The Ukrainian people were fed up and voted him down. And they were denied their victory by a group of crooks.
Our scenario is similar. We have won in the European Parliament. We are now denied victory by manipulation and irregularities in the Council. The Kuchmas of the EU don't like consultation with national parliaments, recounting in the Council or restarting in the EP, nor any other open approach to problems. The main difference is that they --- hopefully --- aren't considering deployment of troops and use of force."
Laura Creighton, software entrepreneur, venture capitalist and Vice President of FFII
"Vor heute war es für großzügige Zeitgenossen möglich, diesen Text mit Bedauern als einen tragischen Fehler, aber nicht als Bosheit zu betrachten. Aber nicht mit diesen Vorgängen in letzter Minute. Nur ein sehr entschiedener Gegner demokratischer Spielregeln wird der verbreiteten Einmütigkeit darüber, dass mit dem Ratstext etwas grundlegend falsch ist, mit einem Durchpeitschen als A-Punkt in der letzten Woche vor Weihnachten im Fischereirat entgegnen. Mit Fisch hat der schlechte Geruch, der da aus Brüssel herüberweht, auf jeden Fall nichts zu tun."
Hartmut Pilch
Hartmut Pilch, president of FFII, remarks:
We have in recent years seen a long stream of shoddily written special interest legislation coming from Brussels, and we have witnessed the circumvention of national democracies and a progressive erosion of civil liberties. However, the behaviour of the Dutch and German governments in the current EU Council threatens to set a new, even more dangerous precedent.
The ultimate result of our campaign must be a verdict from the European Court of Justice or an act of law which clearly says that the Dutch Presidency's intepretation of the Council's rules of procedure is inadmissible. Without provisions for at least a bit of rationality and accountability in the procedures of the EU's supreme legislative organ, the future of democracy in the EU will look gloomier than ever before.
